Wie gleichgepolte Magnete bewegen wir uns dieser Tage um- und zwischeneinander. Ausweichen, abwarten, Abstand nehmen, die Schultern hoch und den Blick kritisch. Man bewegt sich umständlich um die unsichtbaren Sperrzonen der Anderen herum, huscht höchstens mal rasch aneinander vorbei.
Wir leben in einer berührungsarmen Zeit. In einer Zeit, in der Nähe und Kontakt feindlich sind, gefährlich, riskant. Es hat sich sehr schnell eingelebt, sich normal angefühlt. Abgeschnitten durch die Schere im Kopf. Aufpassen. Abstand nehmen. Eine Gewohnheitssache - aber eine, die schnell zur Gewohnheit wird, weil sich die Gefahr der unsichtbaren Ansteckung gut denken lässt, plausibel anfühlt. - Natürlich, könnte man sagen, schon als Kind wurden wir zum Händewaschen gemahnt, wegen der Bazillen, die krank machen können. Solche winzig kleinen „Tierchen“ sind den Menschen noch nicht lange bekannt. Doch die Angst vor Ansteckung mit dem unsichtbaren Übel ist so alt wie die Menschheit.
Der englische Gelehrte James George Frazer veröffentlichte 1890 ein Buch, das sich mit Magie und Bräuchen der „Wilden“ und „Primitiven“ auseinandersetzte. Ein Panoptikum und Kuriositätenkabinett, wo alles versammelt war, was Frazer selbst niemals zu Gesicht bekommen, aber aus verschiedensten Quellen erfahren und zusammengetragen hatte. Das Buch hieß Der goldene Zweig und war ein durchschlagender und nachhaltiger Erfolg. Dabei fand sich die hauptsächliche Resonanz gar nicht mal so sehr in der Wissenschaft, die es teils schon zu Frazers Zeiten deutlich kritisierte, sondern vor allem beim interessierten Publikum und in der Kunst. Das Buch ist noch heute ein Klassiker. Frazer wollte aber Sitten, Rituale und Barbareien nicht nur aufführen, sondern sie auch schematisieren, systematisieren, erklären und vergleichen.
Eine Grundlegende Kategorisierung legte er der Magie zugrunde. Nach Frazer gibt es zwei Prinzipien, die contagious magic und die homoeopathic magic. Letztere funktioniert über Gleichartigkeiten und Ähnlichkeiten. Hier geht es um Imitation und Mimesis, wie bei der berühmten Voodoopuppe, Zerstörung von Bildern oder anderen Analogiezaubern.
Die kontagiöse, Übertragungs- oder Ansteckungsmagie folgt dem „Gesetz des Kontakts“, beispielsweise bei ritueller Unreinheit und Reinigungsritualen. Aber auch das Tragen von Artefakten mächtiger Tiere als Talismane oder Amulette, z.B. Tigerzähne oder Adlerfedern gehört dazu. Noch aus dem Mittelalter sind uns allerhand Flüche und Zaubersprüche bekannt, für die man einen Teil der anderen Person braucht, meistens Haare oder Nägel1.
Frazer räumt ein, dass sich beide Arten oft mischen und nicht immer leicht zu trennen sind. Es sind zwei Seiten eines übergeordneten Konzepts, das er sympathetic magic nennt. „Nach der Grundvorstellung der „sympathischen Magie“ besteht eine durchgängige Verknüpfung, ein echter Kausalnexus zwischen allem, was durch räumliche Nachbarschaft oder durch seine Verbundenheit zu demselben dinglichen Ganzen noch so äußerlich als „zusammengehörig“ bezeichnet ist.“2
Eine Religion mit einem sehr starken Konzept der Unreinheit ist der Zoroastrismus. Diese uralte, auch heute noch lebendige altpersische Religion lehrt eine strikte Aufteilung der Welt in Gut und Böse. Diese moralischen Reiche haben aber, viel stärker als in den Monotheismen, eine deutlich materiale Komponente. Das Schlechte wird nicht nur von bösen Gottheiten und Dämonen verkörpert, sondern oft auch als Substanz gedacht. Und von besonderer Unreinheit ist ein Sieg des Bösen – der Tod. Je rechtschaffener ein Mensch im Leben war, desto unreiner ist sein Leichnam.
Das Begräbnis soll so schnell wie möglich stattfinden. Ein Priester wird geholt, das Böse und die Verwesung werden durch heiliges Feuer und die Anwesenheit eines Hundes in Schach gehalten. Die Bahre des Verstorbenen soll aus Metall sein, weil Metall nicht durchlässig ist. Holz könnte das Böse in sich aufnehmen und kontaminiert werden.
Der Zoroastrismus verehrt die Elemente und Natur als heilig und gut3. Weder Feuer noch Wasser oder Erde sollen verunreinigt werden. Wie wird also bestattet? Traditionell in den Dachmas, den berühmten Türmen des Schweigens. Nachdem die Prozession mit Priester und Verwandten Abschied genommen hat, bringen religiöse Spezialisten (nur sie dürfen solch einen verderbten Ort betreten) den Leichnam in den Turm, den man sich eher als kreisförmige Umwallung vorstellen muss. Dort werden die Leichname von Geiern abgenagt, die Knochen werden in Ossuarien gesammelt4. Die Leichenträger müssen sich umständlichen und langwierigen, bis zu neun Tage dauernden Reinigungsritualen unterziehen. Dachmas finden sich heute noch in der Nähe von Yazd (Iran) und Bombay (Indien).
Einige Zeit nach Frazer hat ein anderer „Lehnstuhgelehrter“ ein gewichtiges Buch veröffentlicht, in dem es um „die Primitiven“ ging: Der bedeutende Soziologe Émile Durkheim brachte 1912 Die Elementaren Formen des Religiösen Lebens heraus. Dort versuchte er herauszufinden, was Religion sei, und das anhand der „primitivsten“ und „einfachsten“ Gesellschaften, deren Erforschung er ebenfalls der Literatur entnahm. Durkheim gelangte zu dem Schluss, dass Religion Ausdruck der gesellschaftlichen Kräfte selbst sei, eine Sublimierung. Doch hier ist interessanter, dass er in seiner Besprechung des Heiligen und des Profanen bei australischen Ureinwohnern einen Begriff der Ansteckung des Heiligen entwickelte.
„Wenn wir an die heiligen Dinge denken, kann keine Idee eines profanen Gegenstandes vorgestellt werden, ohne sich an Widerständen zu stoßen. Etwas in uns widerstrebt dem, dass sie sich im Geiste breitmacht. Die Vorstellung des Heiligen duldet diese Nachbarschaft nicht. (…) Damit diese Ideen nicht zusammen auftreten, dürfen sich die Dinge nicht berühren und auf keine Weise in Beziehung treten.“5
Durkheim bezieht sich auf Beobachtung der strikten Trennung der heiligen und profanen Sphäre. Das können Gegenstände, Orte oder persönliche Beziehungen sein. Durkheim behauptet, die Tabus und strengen Verbote, derer es so viele gibt, entspringen der Gefahr der Vermischung durch Ansteckung.
„Die außerordentliche Ansteckung des Heiligen verpflichtet zu dieser Vorsicht. Weit davon entfernt, an den Dingen haften zu bleiben, die damit gekennzeichnet sind, zeichnet es sich durch eine Art von Flüchtigkeit aus. Die oberflächlichste oder indirekteste Berührung genügt, damit es sich von einem Gegenstand auf den anderen überträgt. Die religiösen Kräfte stellt man sich so vor, dass sie immer bereit zu sein scheinen, aus den Orten zu entschlüpfen, an denen sie zu Hause sind, um in alles einzudringen, was in ihre Reichweite gerät.“6
Solche Beschreibungen lassen an die Beschreibung einer viralen Epidemie o.ä. denken. Tatsächlich gab es schon früh Gelehrte, die Speise- und Lebensvorschriften, beispielsweise in der Thora, als altertümliche Hygieneregeln auffassen wollten. Dort gibt es, wie z.B. auch im Koran, klare Anweisungen zur Körperpflege. Solche Theorie haben sich aber nicht durchgesetzt, denn es sind meist symbolische Zusammenhänge, wo Reinigung und Reinheit – ein hoch-metaphorisches Konzept – eine Rolle spielen7. Die Unreinheit von Körpersäften, von Menstruation und Pollution beispielsweise, auf deren Bedeutung für viele Völker schon Freud gerne hinwies8. Allerdings lässt sich nicht von der Hand weisen, dass gewisse Reinigungsregeln auf konkrete Erfahrungen mit schlechter Hygiene rückführbar sein können. Davon abgesehen handelt es sich meist weniger um physische sondern um symbolische Verunreinigungen, wie am Beispiel der Bestattung im Zoroastrismus zu sehen war.
Zurück zu Durkheim. Die durch Tabus geregelte Trennung zwischen heiliger und profaner Sphäre muss eingehalten werden. Andernfalls droht Ungemach:
„Wegen der innewohnenden Ansteckung all dessen, was heilig ist, kann ein profanes Wesen ein Verbot nicht verletzen, ohne dass sich die religiöse Kraft, der er sich unberechtigt genähert hat, auf ihn ausdehnt und ihn beherrscht. Da aber zwischen ihr und ihm ein Gegensatz besteht, findet er sich damit unter der Herrschaft einer feindlichen Macht (…). Daher betrachtet man Krankheit und Tod als natürliche Folgen einer jeden Überschreitung dieser Art.“9
Durkheim gelangt noch zu dem Schluss, dass die Logik der heiligen Ansteckung freilich auch bei kirchlichen Ritualen anzutreffen sei, bei der Taufe, der letzten Ölung oder der Krankensalbung. Hastig versichert er jedoch: „Trotzdem kann man in einem aufgeklärten Katholiken von heute schwerlich einen zurückgebliebenen Wilden sehen“10. Vielleicht war ihm noch die heftige Kritik an Frazer im Ohr, der einige biblische Stellen heranzog und auf die Auferstehung Jesu Bezug nahm. Der Unmut war so groß, dass Frazer diese Themen in Appendices verschob und aus manchen Ausgaben herauskürzte.
Durkheim erklärt jedenfalls abschließend die „Ansteckungsfähigkeit des Heiligen“ durch „Ideenassoziation“: „Die Gefühle, die uns eine Person oder Sache vermittelt, breiten sich ansteckend von der Idee dieses Dinges oder dieser Person auf die Vorstellungen aus, die damit verbunden sind und damit folglich auf die Gegenstände, die diese Vorstellungen ausdrücken.“11 Das beziehe sich aber nur auf den religiösen Bereich und nicht auf den alltäglichen, wo klare begriffliche Trennungen vorherrschten.
Diese Theorie der Assoziation ist jedenfalls noch heute aktuell. In der Psychologie spricht man von einer contagion heuristic (Ansteckungsheuristik), die den Kontakt mit Gegenständen oder Personen angenehm oder unangenehm macht. Das gilt auch gegenüber Personen und Gegenständen, die mit etwas anderem, drittem in Berührung gekommen sind oder in Berührung kommen werden, auch wenn es pragmatisch keinen Unterscheid macht. Habseligkeiten und Kleidung berühmter (und berüchtigter) Persönlichkeiten können darunter fallen, wie auch die Frage, wem wir etwas von uns anvertrauen, geben oder verkaufen möchten. Zum Teil werden auch symbolische Akte dazugezählt, die einem Ding Bedeutung verleihen. Zum Beispiel wenn es mit Erinnerungen befrachtet ist, oder Gegenstände, die geweiht oder gesegnet worden sind. Gerade bei Körperlichem kommt es für uns sehr stark darauf an, von wem bestimmte Körperflüssigkeiten usw. stammen. Das kann entscheidend für den Umgang mit Ekel sein. Und schließlich beruht die ganze Perzeption von Körperkontakt, Intimität und Erotik stark darauf, wessen Körper es ist, dem wir nahe sind. Es ist freilich eine weite und fließende Grenze, die hier zwischen Kontakt und rein mentaler Assoziation/ Zuschreibung verlaufen soll.
Über die Ambivalenz der Berührung habe ich ja bereits an anderer Stelle geschrieben. To bless („segnen“), blesser („verletzen“), die Blessur und auch das Blut (Symbol für Leben, Tod und unlösliche Verbindung) entstammen der selben Sprachwurzel. Streicheln, schlagen, kitzeln, ein klein wenig mehr oder weniger Kraft, eine kleine Änderung der Bewegung und schon ist der Effekt dramatisch anders. Die Hand, der ganze Körper kann zur Waffe werden oder Zuneigung ausdrücken. Was wir mit der Hand tun, ist unsere Entscheidung. Berührung kann anstecken, in Besitz nehmen, Verbindung und Bindung schaffen, zeichnen. Im Guten wie im Schlechten.
Denn ein Licht anstecken, einen inspirativen Odem einhauchen, das Verschmelzen - Berührungsmetaphern haben auch immer schon einen schöpferischen Aspekt. Auf Michelangelos Erschaffung Adams ist das wortwörtlich und sinnbildlich dargestellt. Der sprichwörtliche Funke, der Lebensfunke, kann nur im Kontakt überspringen.
Die Idee der Verbindung geht über den Augenblick hinaus, das hat Frazer zu formulieren versucht. Etwas bleibt haften. Nähe verbindet, stiftet eine Sinneinheit wie Teil und Ganzes. Und Durkheim betonte: Die Dinge gehören zusammen oder getrennt. Es gibt somit eine Ordnung, die dahinter steht und die gewahrt bleiben muss. Alles gehört an seinen rechten Ort.
Die Verbindung durch Nähe geht aber auch über das Pragmatische hinaus. Bei Fragen von Sauberkeit ist uns das sicher am deutlichsten bewusst: Es geht um das Gefühl der Sauberkeit. Metaphorisch angereichert wird aus Sauberkeit Reinheit.
Und wir haben es wahrscheinlich alle schon erlebt: Die Situation der vegetarischen Gewissensfrage: Hat es Fleisch berührt?! War das auf einem gemeinsamen Teller?! Isst du es trotzdem?!
In den dargestellten Belangen sind Frazer und Durkheim hoffnungslos überholt, sowohl methodisch, thematisch, begrifflich als auch moralisch. Doch mit der Idee der magischen Ansteckung lässt sich eine gedankliche Figur umreißen, die wir in vielen religiösen oder verschiedentlich sogenannten magischen12 Konstellationen wiedererkennen. Ansteckung und Unberührbarkeit sind hochmetaphorische Konzepte: Die Mitglieder der indischen Kaste der Dalits werden „Unberührbare“ genannt, weil sie als rituell unrein galten/gelten. Das ist politisch aktuell. Und natürlich gab und gibt es rituelle Waschungen, Taufen, Salbungen (Messias ist der Gesalbte), Räucherungen, Tätowierungen, den katholischen Haussegen, aber auch rituellen Geschlechtsverkehr, Einsiedelei und Eremitendasein. Berührungsrituale sind auch heute noch aktuell, z.B. beim Reiki, beim Ehering oder beim Berühren und Küssen von Ikonen, Devotionalien und Reliquien in vielen Religionen. Und vielleicht vermittelt auch der öffentliche Mundschutz ein Gefühl und Symbol des eigenen Schutzes. Bei denen, die ihn tragen, vor dem Virus. Bei denen, die ihn nicht tragen, vor dem Virusdiskurs.
1 Diese Klasse von Beispielen hätte ich persönlich eher der homöopathischen Magie zugeschlagen, weil es nicht so sehr um Berührung geht, als vielmehr darum, dass eine Person durch einen Teil ihrer selbst repräsentiert wird. Auch die Verwendung von Kleidung fällt darunter. Frazer fasst diese Fälle aber explizit als kontagiös auf. Letztlich zeigt sich hier wie anderswo, dass Frazers Einteilung einem unpassenden und ungenauen analytischen Prinzip folgt.
2 Ernst Cassirer: Philosophie der
symbolischen Formen II: 64. Dabei
gilt es nicht zu vergessen, dass
Frazer Magie als eine niedrige
Kulturstufe in einem
schematischen Aufbau ansah, wie
viele Gelehrte seiner Zeit. In der
„social evolution“ folgt Religion
auf Magie und auf diese wiederum
die Wissenschaft. Seine Magier
sind wild und dumm, sie haben ein
„undeveloped mind“ und folgen
einer „bastard art“.
3 Im Gegensatz zu Gnosis und
Manichäismus, wo der Gegensatz
eher auf materiell und geistig
hinausläuft. Das ist noch im
Christentum zu merken.
4 Heute leben die meisten Parsen
(Zoroastrier) in Indien. Probleme
mit der Geierpopulation und
Verbote (Iran) erschweren diese Art
der Bestattung jedoch
mittlerweile. Man ist nun oft auf
Betonsärge ausgewichen.
6 S. 431
Émile Durkheim
7 Diesen Punkt hat besonders
Mary Douglas stark gemacht:
Purity and Danger, 1966. Sie war
eine Schülerin von Evans-Pritchard,
folgte aber sehr stark Durkheim.
8 Totem und Tabu, 1912/13, dort
auch räumliche Absonderung
menstruierender Frauen. Vgl. auch
Levitikus 15 oder Sure 2:222.
12 Gerade für die alten
anthropologischen Schriften wie
bei Frazer und Durkheim kann man
Hartmut Zinser folgen: Magie dient
hier als polemischer Begriff zur
Abgrenzung der eigenen Religion.
Das zeigt sich auch darin, dass
beide Autoren inhaltliche
Schwierigkeiten hatten, das
Christentum auszuklammern.

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